Dr. Martin Grabe: Homosexualität und christlicher Glaube: Ein Beziehungsdrama

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Homosexualität und christlicher Glaube: Ein Beziehungsdrama. Von Dr. Martin Grabe
Buchbesprechung und Zusammenfassung von
Mario Wahnschaffe 

 

Schwulsein und Christsein – Geht das?

Ist Gott homophob und anti-Gay?

 Ein für viele Kirchen unlösbarer Konflikt. Für andere Kirchen ist es schon lang kein Problem mehr und zum modernen Alltag geworden.

Dr. Martin Grabe steht zwischen den Fronten. Er bekommt Ärger von Christen, die Schwule aus Kirche und Gesellschaft ausschließen. Er bekommt Anfeindungen von linksautonomen Splittergruppen, die ihn und seine christlich orientierte Organisation „Akademie für Psychotherapie und Seelsorge – APS“ zum „homophoben“ und bösen Objekt stilisieren.

Mit seinem Buch (Grabe, Martin 2020. Homosexualität und christlicher Glaube: Ein Beziehungsdrama. Marburg: Francke Verlag) versucht Grabe homosexuellen Jüngerinnen und Jüngern Jesu endlich ihren Platz in unseren Gemeinden zu schaffen. Sein Wunsch ist es, dass sie dort als Geschwister akzeptiert und in Liebe aufgenommen werden.

Dr. Martin Grabe ist Ärztlicher Direktor der Klinik Hohe Mark in Oberursel und Chefarzt der dortigen Abteilung Psychotherapie und Psychosomatik. Außerdem leitet er die Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS), hat Lehraufträge in Masterstudiengängen im Fach Praktische Theologie und gibt die Zeitschrift „P6S – Magazin für Psychotherapie und Seelsorge“ mit heraus. Er ist verheiratet und hat hier Kinder.

 Grabe stellt sein Buch unter drei Fragestellungen:

  • Warum entstehen in christlichen Gemeinden gerade im Bereich Homosexualität diese massiven Aversionen, Schuld- und Versündigungsängste?
  • Handelt es sich um neurotische Fehlhaltungen oder gibt es aus Sicht des christlichen Glaubens berechtigte Gründe?
  • Was ist aus historischer, was aus psychotherapeutischer und was aus theologischer Sicht dazu zu sagen?
  1. Warum hat unsere Gesellschaft eigentlich immer etwas gegen Schwule gehabt?

Bei Platon in der griechischen Antike sei die Homoerotik sogar als die reifste Form menschlicher Sexualität beschrieben.

Die Homophobie habe an anderer Stelle, als in der Theologie seine Wurzel. Grabe vermutet diese in der nordeuropäischen militarisierten Sozialkultur.

  1. Wie gehen Christen mit dem Thema Homosexualität um?

 

In dem neuerlichen Bestreben der vollständigen Gleichstellung homosexueller Partnerschaften in der evangelischen Kirche, würden Pfarrer, die aufgrund ihres Gewissens immer noch nicht mitziehen, sanktioniert.

In der großen katholischen Kirche würde insgesamt wenig über das Thema Homosexualität gesprochen. In der „Persona Humana“ 1975 bezeichnete die vatikanische Glaubenskongregation homosexuelle Handlungen als „nicht in Ordnung“.

In evangelischen Landeskirchen sei eine Gleichstellung Homosexueller erwünscht.

In evangelikal-freikirchlichen Gemeinden werde neuerdings zugestanden; dass eine homosexuelle Neigung an sich nicht sündig sei, eine homosexuelle Lebenspraxis schon. Innerhalb der Gemeinde ist somit nur ein zölibatäres Leben für „homosexuell empfindende“ Menschen möglich. Sam Allberry (Is God anti-gay?:2015) bezeichnet sich als „SSA“: „Same Sex attracted” people.

  1. Homosexualität aus therapeutischer Sicht

 

Bei wissenschaftlicher Betrachtung zeigten insb. Zwillingsstudien, dass es offensichtlich eine genetische Disposition gebe, aber keine Erblichkeit.

In einer schwedischen Studie würde der genetische Einfluss auf die Homosexualität bei Männern auf ca.35% eingeschätzt gegenüber ca.65% Umwelteinflüssen und bei Frauen auf knapp 20% genetischen Einflüssen gegenüber 80% Umwelteinflüssen. Man sei sich heute darüber einig, dass die Entstehung der sexuellen Orientierung ein komplexes multifaktorielles Geschehen sei.

Menschen litten allerdings auch durchaus manchmal an ihrer homosexuellen Orientierung und würden therapeutische Hilfe suchen, so Grabe.

  1. Was sagt die Bibel zu Homosexualität?

 

Die beiden AT-Stellen in 3.Mose 18,22 und 3.Mose 20,13 seien, laut Grabe, nicht relevant für heutige moderne gleichberechtigte, monogame, treue und langfristig angelegte  homosexuelle Beziehungen, da damals jeder jüdische Mann verheiratet gewesen sei.   

Beide Bibel-Stellen stünden im Kontext der Ehebruchsverbote und seien im Sinn eines Ehebruchsverbotes für heterosexuelle Männer einzuordnen, die neben ihrer Ehe homoerotische Liebschaften pflegen würden. Eine liebevolle, gleichberechtigte und dauerhaft homosexuelle Partnerschaft wäre zu Mose Zeiten nicht denkbar gewesen.

„Und bei einem Mann sollst du nicht liegen, wie man bei einer Frau liegt: Ein Gräuel ist es.“

  1. Mose 18,22

„Und wenn ein Mann bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, ⟨dann⟩ haben beide einen Gräuel verübt. Sie müssen getötet werden; ihr Blut ist auf ihnen.“

3.Mose 20,13

Ist die Argumentation Grabes widerspruchslos? Gab es wirklich nur verheiratete Männer im AT? Gab es denn keine Singles im Alten Testament?

Jeremia war Single durch Gottes persönlichen Auftrag: „Du sollst dir keine Frau nehmen und weder Söhne noch Töchter zeugen an diesem Ort.“ Jeremia 16:2

Naomi, Joseph und Simson waren für die längste Zeit ihres Lebens Singles.

Das Neue Testament stellt sogar als erste antike Religion das Singlesein als gesegneten Stand gleich neben die göttliche Institution der Ehe. Jesus, Johannes der Täufer und Paulus leben erfülltes Singlesein attraktiv als geistlich erfüllte und zufriedene Vorbilder.

Grabe findet es unredlich, die beiden Stellen heute noch als relevante Gebote für die moderne Zeit anzuwenden, aber andere zahlreiche Reinheitsgebote als unrelevant auszufiltern.

Wesley Hill verweist aber auf die Argumentation Jesu in Matthäus 19,4-6 und seinen Verweis auf die Schöpfungsordnung in 1.Mose 1,27 u. 2,24, wodurch man auch ohne die 5 Bibelzitate, die homosexuelle Handlungen verbieten, durch die positive Darstellung der gottgewollten Sexualität zwischen Frau und Mann in einem göttlichen Ehebund als Konstante darstellen kann, an der sich jede andere Form der Sexualität messen lassen kann.

„Er aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen, dass der, welcher sie schuf, sie von Anfang an ⟨als⟩ Mann und Frau schuf und sprach: »Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und es werden die zwei ein Fleisch sein « –

sodass sie nicht mehr zwei sind, sondern ein Fleisch? Was nun Gott zusammengefügt hat, soll ⟨der⟩ Mensch nicht scheiden.“

Matthäus 19,4-6

Die beiden NT-Verbote in 1.Korinther 6,9-10 und 1. Timotheus 1,8-10 versucht Grabe in den Kontext des pädophilen und päderastischen Kontext der ausbeutenden Sklaverei von minderjährigen männlichen Jugendlichen und verbotenen Ehebruchs zu stellen.

Dabei leitet er seine Argumentation von den griechischen Worten „malakoi“ Lustknaben (Prostitution Minderjähriger mit promiskuitiven heterosexuell verheirateten Männern) und „arsenokotai“ Knabenschänder nach Luther 2017 ab. Er stellt seine anfängliche Argumentation selbst aber durch folgende Bemerkung in Frage: Dieses Wort würde der wahrscheinlichsten Bedeutung nach übersetzt werden: „Männer, die Männer penetrieren, also eine gewohnheitsmäßige aktive Nutzung sexueller Angebote.“   

„Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Irrt euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Weichlinge [sich prostituiernde minderjährige Jungen] noch mit Männern Schlafende.“ 1. Korinther 6,9

„Wir wissen aber, dass das Gesetz gut ist, wenn jemand es gesetzgemäß gebraucht,

indem er dies weiß, dass für einen Gerechten das Gesetz nicht bestimmt ist, sondern für Gesetzlose und Widerspenstige, für Gottlose und Sünder, für Heillose und Unheilige, Vatermörder und Muttermörder, Mörder, Unzüchtige, mit Männern Schlafende, Menschenhändler, Lügner, Meineidige, und wenn etwas anderes der gesunden Lehre entgegensteht,“

  1. Timotheus 1,8-10

Römer 1,26,27 versucht Grabe aus dem Kontext der Homosexualität zu heben und meint, dass diese Verse keine spezifische Aussagen über Homosexualität machen, sondern deutliche Aussagen über promiskuitiven Lebensstil und wiederholt vor Ehebruch warnen.

Dennoch weist er auf die Formulierungen des Paulus hin, die Homosexualität als „unnatürlich“ im Kontrast zu „natürlicher“ Sexualität darstellen.

„Deswegen hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften. Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr in den unnatürlichen verwandelt,

und ebenso haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen, sind in ihrer Begierde zueinander entbrannt, indem die Männer mit Männern Schande trieben, und empfingen den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst.

  1. Und was ist mit der Schöpfungsordnung?

 

Grabe weist darauf hin, dass die jüdische Bibel Vertreter der Vielehe zu Glaubensvorbildern vorstelle, die selbst nicht nach der Schöpfungsordnung des 1.Mose lebten.

Dennoch hat Gott mit der polygamen Verkrümmung dieser Menschen etwas Segensreiches geschaffen, so wie Gott Menschen eine homosexuelle Neigung schenkt, die ihre Empfänger zunächst nicht als Begabung annehmen können und nicht den Ort bestimmen können, wo sie diese Begabung leben können.

  1. Wie darf ein homosexuelles Leben in der Gemeinde aussehen?

 

Zuletzt fasst Grabe die Haupt-Thesen seines Buches zusammen:

  • Diskriminierung Homosexueller sei nicht nur ein christliches, sondern ein gesellschaftliches Thema.
  • Das neuere Zugeständnis vieler evangelikaler Gemeinden, dass homosexuell zu empfinden, keine Sünde sei, erscheine ihm als eine ungewollte Anpassung an den gesellschaftlichen Mainstream.
  • Therapeutische Versuche Homosexualität zu heilen blieben bisher erfolglos.
  • Die 5 Bibelstellen die sich scheinbar auf ein Verbot von Homosexualität beziehen würden, stünden in keinem Zusammenhang mit heutiger modern monogam und gleichberechtigter Homosexualität.
  • Homosexualität entspriche einerseits nicht der Schöpfungsordnung in 1.Mose und Römer 1. Wenn Menschen aber an die Souveränität Gottes glaubten, dann sei die homosexuelle Persönlichkeit ein göttlicher Schöpfungsakt.
  • Die Forderung von evangelikalen Gemeinden an homosexuell empfindende Menschen erscheint Grabe als ein pharisäisches und unbarmherziges Auferlegen von religiösen Lasten.
  • Grabe wünscht sich eine Kirche mit einer Kompromissformel in Analogie nach dem Apostelkonzil in Jerusalem nach Apg.15: Zölibatär lebende Singles, die genauso wie homosexuell verheiratete nebeneinander einen Platz in der Kirche finden könnten.
  • Doch Grabe fragt sich auch, ob der christliche Anspruch an eine monogame, treue und dauerhafte homosexuelle Ehe realistisch sei, in Hinblick auf die klinisch erwiesene Kurzlebigkeit, bzw. Promiskuität homosexueller Beziehungen. „Das ist tatsächlich derzeit so. Sowohl dass nur ein geringer Anteil homosexueller Menschen eine Heirat möchte, als auch, dass Beziehungen, besonders bei Männern oft nicht von langer Dauer sind und auch nicht ausschließlich.“

Grabes Buch ist professionell geschrieben und schöpft aus der reichen klinischen Erfahrung des Autors, Therapeuten und Direktors einer Klinik, die den besten Ruf im christlichen Bereich Deutschlands hat. Das Buch spiegelt die Spannungen wider, die in der christlichen Gemeindelandschaft in der Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität und Glaube besteht. Es rüttelt die Kirche auf, wo sie Schwule aus ihrem Gemeindeleben lieblos ausgrenzen oder die Thematik tabuisieren. Dennoch zeigt das Buch, durch seine widersprüchlichen Auslegungsmöglichkeiten der biblischen Textbefunde die Schwierigkeit der biblischen Rechtfertigung kirchlich sanktionierter Homo-Ehen. Auch die von Grabe vorgeschlagene Alternative von monogamen und langfristig angelegten Homo-Ehen im Gegensatz zur freikirchlichen Akzeptanz von homosexuell empfindenden und zölibatär lebenden Nachfolgern Jesu, wird von ihm selbst in Frage gestellt.

Für mich war es ein Gewinn, dieses Buch zu lesen. Ist dieses Buch doch eine Ermutigung für die moderne Kirche, Homosexualität nicht als Problem zu sehen, das tabuisiert werden sollte, sondern eine Chance für die Kirche, Ehe und Kleinfamilie nicht als die einzig von Gott gesegnete Institution zu sehen. Kirche sollte das biblische Konzept von erfülltem Leben als Single wieder neu entdecken und tiefe spirituelle und wertvolle Freundschaften zwischen Singles fördern. Christen sollten aufhören, Schwule auszugrenzen oder Witze über sie zu machen und den Ansporn haben, dass Schwule in der Kirche mehr Liebe und Akzeptanz und wertvollere und tiefere Freundschaften finden, als in der Gay-Szene. Neben dem Single-sein und dem zölibatären Leben ist auch eine Veränderung hin zu einer heterosexuellen Ehe nicht ausgeschlossen, diese kann jedoch nicht immer in Aussicht gestellt werden.         

Mario Wahnschaffe

One thought on “Homosexualität und christlicher Glaube – Ein Beziehungsdrama!

  1. Ich finde es großartig und vorbildhaft zu diesem schwierigem Thema Stellung genommen zu haben und alles aus der Sicht Jesu zu beleuchten!

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