Schwierige Fragen an die Bibel

Mario Wahnschaffe

Ist Jesus nur ein Mythos?
Ist Jesus historisch nachweisbar?

Immer wieder wird nicht nur die geschichtliche Verlässlichkeit der Bibel in Frage gestellt, sondern auch, ob Jesus Christus von Nazareth überhaupt eine historische Person war und sich als solche wissenschaftlich nachweisen lässt.

Mit den Fortschritten in den Naturwissenschaften wuchs auch in den Geisteswissenschaften das Interesse an wissenschaftlich überprüfbaren und feststellbaren Tatsachen.
Die Aufklärung versuchte durch rationales und logisches Denken alle, dem Fortschritt entgegen stehenden und alt überbrachten Strukturen zu überwinden. In dieser Aufbruchsphase unterlag das Verständnis von Wissen im Allgemeinen und insbesondere das Verständnis der Bibel, einem dramatischen Wandel. Bis in die Frühe Neuzeit hinein, galt die Bibel, gemäß kirchlicher Lehre als Heilige Schrift, die Gott selbst nicht nur autorisiert, sondern bewirkt und wörtlich inspiriert habe. Biblische Erzählungen wurden rezitiert, interpretiert und kommentiert, nicht kritisch analysiert und überprüft. Das, was sie mitteilen, galt als wirklich, weil Gott sich darin mitteilte. Mit den Fortschritten in den Naturwissen-schaften wuchs auch in den Geisteswissenschaften das Interesse an methodisch überprüfbaren und feststellbaren Tatsachen.
So entstand 1740 die „Jesusforschung“, mit dem Wunsch, die Existenz Jesu nach wissenschaftlichen Maßstäben zu untermauern.

1.1. Die historische Jesus Forschung

1870 begann die wissenschaftliche „historische Jesus Forschung“. Sie lässt sich chronologisch in drei verschiedene Phasen einteilen:
- Die „Leben-Jesu-Forschung“ 1736-1900
- Die Zeit der „Bultmann-Schule“ 1953-1970
- The „Third Quest“ Ab ca. 1970

1.1.1. Erste Phase: Die „Leben-Jesu-Forschung“

Die signifikantesten Vertreter der „Ersten Phase“ sind:

Hermann Samuel Reimarus (1694-1768)

Ölgemälde von Gerloff Hiddinga, 1749

Der Hamburger Professor für orientalische Sprachen H.S. Reimarus war ein literarischer Vorkämpfer für die Vernunftreligion des englischen Deismus. Die historisch-kritische Grundlegung seiner Gedanken in der „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ machte er aber nur engen Freunden zugänglich im Jahre 1762. Nach seinem Tod veröffentlichte Lessing sieben Fragmente aus diesem Werk im Jahre 1774-78.
Darin unterschied Reimarus das Christusbild der Apostel methodisch streng von Jesu Eigenverkündigung. Er verstand Jesus ganz im Rahmen des Judentums seiner Zeit als politischen Reformator. Das nachösterliche Christentum erklärte Reimarus als Betrug der Apostel. Die Unterscheidung von Jesusverkündigung und urchristlicher Botschaft und die Einordnung Jesu ins zeitgenössische Judentum sind in der Jesusforschung bis heute gültig. Die Erklärung des Urchristentums aus einem Jüngerbetrug fand dagegen bald Widerspruch.

Ferdinand Christian Baur (1792–1860)
führte die historisch-kritische Methode in die NT-Forschung ein („Tübinger Schule“). Seit etwa 1836 betonte er stärker die historische Kontinuität zwischen der vorösterlichen Jesusverkündigung in den Evangelien und der nachösterlichen Theologie der Apostel.

David Friedrich Strauß (1808–1874)
veröffentlichte 1835 sein Werk „Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet“. Er war der erste der den Jesus der Kirche zum „Mythos“ erklärte. Für ihn war Jesus nur noch Verkünder einer reinen Kultur- und Humanitätsreligion. 1872 erschien „Der alte und der neue Glaube“. Damit war das Christentum für Strauß völlig überflüssig geworden.

Heinrich Graetz (1817 - 1891)
war ein deutsch-jüdischer Historiker. Seine „Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart“ ist ein Standardwerk der Geschichts-schreibung des 19. Jahrhunderts und eine der wirkmächtigsten Gesamtdarstellungen der jüdischen Geschichte überhaupt. Er datierte das Matthäus-Evangelium auf höchstens 150 n.Chr. und klassifizierte das Johannes-Evangelium als historisch irrelevant und datierte es zwischen 170-180 n.Chr.. In dem Licht seiner sehr späten Datierung, gab Graetz offen zu, „dass das Einzige, was sicher scheine, in der Studie des Lebens Jesus, nur aus Hypothesen bestehe“.

Im Geiste der „Ersten Phase“ der „Jesus-Forschung“ gab es auch Theologen, die radikale Skeptiker waren und die historische Existenz Jesu völlig verneinten und zum ersten Mal vom „Jesus-Mythos“ sprachen.

1.1.1.1. Der „Jesus Mythos“

Bruno Bauer (1809–1882)
Bauer war der erste, der die Nichtexistenz Jesu von Nazareth mit einer wissenschaftlichen Analyse der NT-Texte zu begründen versuchte. Er verlor wegen seiner atheistischen Position 1842 seine Lehrerlaubnis als Theologiedozent. Andere Neutestamentler wider-sprachen seiner Nichtexistenzthese, so dass diese öffentlich als widerlegt erschien und keine breite und dauernde Wirkung entfaltete.
Sein Werdegang ist prozessartig:
1835: In einer Rezension des Buches „Das Leben Jesu“ von David Friedrich Strauß hatte Bauer die Historizität der Wunder Jesu verteidigt.
1840: Das Johannes-Evangelium ist ein rein literarisches Kunstprodukt.
1841: Bauer stellt auch die synoptischen Evangelien in ihrer historischen Echtheit in Frage. Die scheinbare historische Echtheit Jesu, entspringt allein der Vorstellung der christlichen Gemeinde.
1850: „Kritik der paulinischen Briefe. I–III“ - Bauer bestreitet die Authentizität aller Paulusbriefe.
In diesem Kontext erklärt er: Einen historischen Jesus habe es nie gegeben und die Urgemeinde sei aus der Stoa Senecas und der hellenistischen Philosophie von Philon und Josephus hervorgegangen.

Vertreter des „Jesus-Mythos“ ab dem Jahre 1900 waren:

William Benjamin Smith (1850 – 1934)
war Mathematikprofessor an der Tulane Universty in New Orleans. Er ist der Verfasser des Werkes „The pre-christian Jesus“, in dem er darlegte, dass Jesus historisch nicht existent sei.

Albert Kalthoff (1850 – 1906)
war deutscher Reformtheologe und Philosoph. Er negierte in seinem Buch „Das Christusproblem“ , die historische Existenz Jesu. Das Christentum sei nicht in Jerusalem, sondern in Rom entstanden. Jesus ist nicht der Religionsstifter, sondern die römischen Sklaven.

Otto Pfleiderer (1839 - 1908)
war deutscher protestantischer Theologe und legte in seinem Werk „Die Entstehung des Christentums“ dar, dass das Christentum, seine Wurzeln nicht im Judentum, sondern in östlichen heidnischen Kultreligionen hat. Seine These war, dass erst Paulus das Christentum begründet habe und dies als Ziel- und Höhepunkt des Hellenismus anzusehen sei.

Christian Heinrich Arthur Drews (1865 - 1935)
war ein deutscher Philosoph, Schriftsteller und wichtiger Vertreter des deutschen Monismus. In seinem Werk „Die Christus-Mythe“ bestreitet er die Existenz eines historischen Jesus.

Houston Stewart Chamberlain (1855 -1927)
war ein in England geborener deutschsprachiger Schriftsteller, Verfasser zahlreicher populär-wissenschaftlicher Werke, mit pangermanischer und antisemitischer Einstellung. Sein bekanntestes Werk sind die „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (1899), das zu einem Standardwerk des rassistischen und ideologischen Antisemitismus in Deutschland avancierte. Sein Jesus ist Deutscher und Modernist. Der Vater von Jesus ist Arier (Pandera). Chamberlain hat kein wissenschaftliches Wissen über das Judentum, sein Buch ist antisemitisch gefärbt .

Es war der fatale Zusammenhang zwischen der antisemitischen Tendenz der Theologie des frühen 20. Jahrhundert in Deutschland und der Theorie des „Jesus-Mythos“, den Joseph Klausner zu diesem Urteil führte: „Alle theologischen Gelehrten der ersten 20 Jahre des 20.Jh. waren eifrig bemüht in dem historischen Jesus etwas zu finden, das nichts mit dem Judentum zu tun hatte, aber fanden nichts. Ihre Historien-Theorie über Jesus reduzierte sich auf Null. Kein Wunder das es am Anfang des 20 Jh. eine Erweckung der Sicht des 18. Und 19. Jh. gab, dass Jesus nie existierte.
In Bezug auf Jesu Lehre fanden sie nichts als die Opposition eines Pharisäers gegenüber anderen Pharisäern, die ihren Pflichten nicht nachkamen. Die besten christlichen Theologen haben diese Opposition so verallgemeinernd ausgeweitet auf das gesamte Judentum, dass vom Christentum nichts anders übrig blieb als: Hass auf das Judentum.“

Albert Schweitzer (1875 - 1965)
war ein deutsch-französischer Arzt, Philosoph, evangelischer Theologe, Musikwissenschaftler und Pazifist. In seinem Werk „Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ hält keinen der Versuche der Theologen seiner Zeit, sich der authentischen Gestalt und Botschaft von Jesus zu nähern, für gelungen. Lediglich das Werk von Johannes Weiß nimmt er ernst. Während nach Johannes Weiß jedoch nur die Predigt Jesu vom Gedanken des in Kürze bevorstehenden Weltendes und Anbrechens des Gottesreiches bestimmt war, behauptet Schweitzer, dass auch Jesu Handeln durch diese Naherwartung bestimmt werde. Diese Position wird in der Theologie als konsequente Eschatologie bezeichnet. Schweitzer betont den großen Abstand zwischen dem jesuanischen Weltbild und dem Weltbild der eigenen, modernen Zeit.

Mit Schweitzer endet die „Zweite Phase“ der „Historischen Jesus Forschung“.

1.1.2.1. Die „Zweite Phase“

Die „Zweite Phase“ der „Historischen Jesus-Forschung“ war zu Beginn des 20 Jahrhunderts von einem starken Ringen geprägt, ob Jesus als historische Person existiert habe oder nicht.

Rudolf Bultmann (1884–1976)
war Professor der Theologie in Breslau, Gießen und Marburg und wurde bekannt durch sein Programm der Entmythologisierung der neutestamentlichen Ver-kündigung. Er führte die formgeschichtliche Methode in seinem Standardwerk Geschichte der synoptischen Tradition für den gesamten Textbestand der Evangelien durch und ordnete die vielen einzelnen Textperikopen bestimmten literarischen Gattungen zu. Auf diese Weise erklärte er einen Großteil der Verkündigung Jesu als nachösterliche Gemeindebildung.
Bei der Entmythologisierung geht es Bultmann nicht darum, das Mythische aus den Texten zu eliminieren, sondern die Texte so zu interpretieren, dass das ihnen zugrunde liegende Existenzverständnis deutlich wird.
Wer Jesus wirklich war als historische Person bleibt bei Bultmann offen, da die heutige moderne Gesellschaft die mythologisierten Texte über ihn nicht zu deuten wisse.

Ernst Käsemann (1906–1998)
promovierte 1931 bei Bultmann in Marburg und gilt als dessen profiliertester Schüler. Im Unterschied zur Literarkritik suchte er daher nicht nach älteren Quellen, sondern nach einem kritisch gesicherten Minimum authentischer Jesusworte. Um dieses festzustellen, legte er ein doppeltes Differenzkriterium an die synoptische Tradition an: „Echt“ sei ein Jesuswort, wenn es sich weder aus der jüdischen Umwelt noch aus Leben und Lehre des Urchristentums erklären lasse. Die theologische Intention, das Christuskerygma in der Verkündigung Jesu zu entdecken, führte im Verbund mit dem Differenzkriterium zwangsläufig zur Wahrnehmung Jesu im Kontrast zum Judentum.

1.1.2.2. Die jüdische Jesusforschung

Während die christliche Theologie mit einer Abkehr vom theologischen Liberalismus die Suche nach dem historischen Jesus abwertete, setzte die gleichzeitig beginnende wissenschaftliche jüdische Jesusforschung die liberale Tradition fort und betonte dabei Aspekte, die in der christlichen Forschung zu kurz kamen, nämlich den jüdischen Charakter des Lebens und der Lehre Jesu – ein Vorgang, der zur „Heimholung Jesu ins Judentum“ gehört.

Joseph Gedalja Klausner (1874 - 1958)
war ein israelischer Literaturwissenschaftler, Historiker und Religionswissenschaftler. In seinem Werk „Jesus von Nazareth“ zeichnet er Jesus als Ethiker. Er sah in Jesus den Vertreter einer beeindruckenden jüdischen Ethik.

Claude Joseph Goldsmid-Montefiore (1858 - 1938)
war eine Gründergestalt des britischen Reformjuden-tums. In seinem Werk „The Synoptic Gospels“ , setzt Jesus in seinen Augen die Reihe der großen jüdischen Propheten fort, der die Riten seiner eigenen Religion kritisiert habe.

Zwei neuere Vertreter der jüdischen Jesusforschung wurden zu Vorläufern der „Third Quest“: David Flusser (Jesus*, 1968) stellte Jesus als gesetzestreuen Juden dar. Nicht die Gesetzeskritik, sondern das Liebesgebot, die Überwindung des Vergeltungsdenkens und die Erwartung des Reiches Gottes – alles jüdische Traditionen – bestimmen seine Verkündigung.
G. Vermes (Jesus the Jew, 1973) ordnete Jesus in ein charismatisches Milieu in Galiläa ein: Wundertaten und Weisheitssprüche finden wir auch bei Hanina ben Dosa im damaligen Galiläa verbunden. Den christologischen „Hoheitstiteln“ gibt er eine in den Rahmen des Judentums passende Interpretation: Menschensohn meine schlicht „einen Menschen“.

1.1.3. The „third quest“ – Die dritte Phase

Die „dritte Frage“ versucht, Jesu Auftreten aus einer konsequent historischen Perspektive im Gesamtkontext seiner Zeit zu erklären. Sie ist durch einen fächer- und länderübergreifenden Methodenpluralismus gekenn-zeichnet: Neben traditionellen historisch-kritischen Literaturanalysen bezieht man viel stärker als früher außerbiblische Erkenntnisse aus der Archäologie, Sozialgeschichte, Kulturanthropologie, Orientalistik und Judaistik zur Entstehungszeit und Umwelt des NT ein. Der Forschungsschwerpunkt hat sich aus Mitteleuropa in die USA verlagert, wo auch frühchristliche Apokryphen als mögliche Primärquellen bewertet werden.
Ihre wichtigsten Vertreter sind Ed Parish Sanders
(* 1936) über „Jesus sind Jesus and Judaism“ (1986) und „The Historical Figure of Jesus“ (1996) und William Lane Craig (* 1949). Er geht als Religionsphilosoph von einer theistischen Weltsicht aus und hält die Evangelien-berichte für zuverlässige historische Quellen. Sein besonderes Augenmerk gilt den Texten zum leeren Grab und zur Auferstehung Jesu, für deren Historizität er sowohl interne als auch historische Argumente aufführt.
Nicholas Thomas Wrights (* 1948) Hauptbeitrag zur Leben-Jesu-Forschung ist sein mehrbändiges Werk Christian Origins and the Question of God , von dem bisher drei Bände veröffentlicht sind.
Er beginnt mit dem Hellenismus, dann dem Alten Testament und Judentum des zweiten Tempels, dann Paulus, dann dem Urchristentum im NT, dann den Apokryphen und frühen Kirchenvätern bis zum dritten Jahrhundert.
Erst daraufhin untersucht er ausführlich die Ostergeschichten der Evangelien in Bezug auf die zuvor erarbeiteten Sichtweisen. Der letzte Teil diskutiert die wichtigsten Erklärungen für das Auferstehungs-geschehen und die Herausforderung, die es für den Historiker darstellt.
Wright geht in seiner Arbeit von einem sehr breiten historischen Ansatz aus, der als Primärquellen neben dem Neuen Testament griechische Philosophie, die Texte von Qumran und Nag Hammadi ebenso berücksichtigt wie die Kommentare des Talmud zum Neuen Testament. Er fragt nach der in narrative Texte eingebetteten jeweiligen Weltanschauung der verschiedenen historischen Gruppen und Personen.
Methodisch geht er einen Mittelweg zwischen historischem Positivismus und postmodernem Dekonstruktionalismus, den er kritischen Realismus nennt. Er sieht keinen Gegensatz zwischen Historie und Theologie, sondern geht davon aus, dass beide sich gegenseitig bedingen. Gleichzeitig hinterfragt er sowohl konservative wie moderne theologische Hypothesen.

1.2. Die historischen Quellen des Jesus von Nazareth

Jesus ist historisch bezeugt.
Neben diesen unterschiedlichen Beschreibungen der historischen Jesusgestalt des Neuen Testaments ist die Tatsache, dass Jesus nicht nur seitens des Qur’an 25 mal erwähnt wird, sondern es auch eine Fülle von außerbiblischer historischer Zeugnisse von der Existenz Jesu gibt.

Um Jesus als historische Person nachzuweisen, stehen uns fünf Arten von Quellen zur Verfügung:
- Die Augenzeugenberichte der Evangelisten

- Die Quellen des Talmud

- Ein heidnischer Philosoph über Jesus

− Die Zeugnisse der Kirchenväter

− Nichtchristliche Historiker

1.2.1. Die Augenzeugenberichte der Evangelisten

Wenn Theißen die insgesamt fünf Phasen der Leben-Jesu-Forschung auflistet, wird schnell klar, dass die Zeiten, in denen man die Evangelien als mythenhafte Legenden abstempelte, längst vorbei sind – im 18./19. Jahrhundert gingen Leute wie Lessing, Herder und Strauß noch davon aus, dass die Berichte über Jesus im Laufe der Jahrhunderte ihrer Überlieferung bis zur Unkenntlichkeit verfälscht, aufgebauscht und mythologisiert wurden. Diese Annahmen sind mit dem heutigen Stand historischer Forschung, der so genannten „Third-Quest“-Phase, allerdings nicht mehr vereinbar.

Im Gegensatz zur heutigen Zeit, in der viele Theologen behaupten, dass die Evangelien viele Jahrzehnte nach der Kreuzigung Jesu von Menschen verfasst wurden, die Jesus nie gesehen hatten, waren sich alle Kirchenväter einig, dass es sich bei dem „Evangelium“ um Augenzeugenberichte handelt.

So war anerkannt, dass es sich bei den Evangelisten Matthäus und Johannes, um die Jünger Jesu handelte. Markus war der Übersetzer des Petrus und schrieb seine Memoiren auf, der selbst wiederum ein prominenter Augenzeuge war. Lukas war der Reisebegleiter des Paulus, der viele Augenzeugen Jesu interviewt hatte und ihre Berichte in seinem Evangelium gesammelt hat.

In Kapitel Nr.? „Die Evangelien sind viel später und von unbekannten Autoren geschrieben worden“, werde ich ausführlich auf alle Behauptungen eingehen, die abstreiten, dass die Evangelien Augenzeugenberichte seien.

1.2.1.1. Das Evangelium nach Matthäus

Das Matthäusevangelium ist durch frühe Papyri (ab ca. 200) und Zitate bei Kirchenvätern (seit Mitte des 2. Jh.) hervorragend bezeugt. Die Integrität des auf Griechisch verfassten Textes steht nicht in Frage, trotz der seit Papias und Irenäus (bei Euseb HistEccl 3,39,16; 5,8,2) vertretenen Ansicht, Matthäus habe ursprünglich aramäisch (oder hebräisch) geschrieben.

Dass Matthäus der Jünger und Augenzeuge Jeus war wird bezeugt von Papias von Hierapolis.

Papias von Hierapolis war einer der frühen Kirchen-väter sowie Bischof und Theologe in Hierapolis (beim heutigen Pamukkale, Türkei). Seine nur bruchstückhaft überlieferten Fünf Bücher der Darstellung der Herrnworte entstanden etwa 100 n. Chr. Sein Werk ist die früheste Quelle, die über die Autorenschaft und Entstehung der christlichen Evangelien des Neuen Testaments der Bibel berichtet.

Matthäus wird von Papias als Jünger des Herrn Jesus benannt:
„Ich zögere aber nicht, für dich auch das, was ich von den Presbytern genau erfahren und genau im Gedächtnis behalten habe, mit den Erklärungen zu verbinden, mich verbürgend für dessen Wahrheit. Denn nicht hatte ich, wie die meisten, Freude an denen, die vieles reden, sondern an denen, welche das lehren, was wahr ist; auch nicht an denen, die die fremdartigen Gebote im Gedächtnis haben, sondern an denen, die die vom Herrn dem Glauben gegebenen und von der Wahrheit selbst kommenden (Gebote im Gedächtnis haben).
‚Wenn aber irgendwo jemand, der den Presbytern [Aposteln] nachgefolgt war, kam, erkundigte ich [Papias] mich nach den Berichten der Presbyter: Was hat Andreas oder was hat Petrus gesagt, oder was Philippus oder was Thomas oder Jakobus oder was Johannes oder was Matthäus oder irgendein anderer der Jünger des Herrn; was Aristion und der Presbyter Johannes, (beide) des Herrn Jünger, sagen. Denn ich war der Ansicht, dass die aus Büchern (stammenden Berichte) mir nicht soviel nützen würden wie die (Berichte) von der lebendigen und bleibenden Stimme.’“

Laut Papias war Matthäus, der Jünger Jesu, der Schreiber des Matthäusevangeliums:

„Matthäus hat in hebräischer Sprache die Reden zusammengestellt; ein jeder aber übersetzte dieselben so gut er konnte.“

Irenäus von Lyon (135 - 200),
ein Kirchenvater, war Bischof in Lugdunum in Gallien (heute Lyon/Frankreich). Er gilt als einer der bedeutendsten Theologen des 2. Jahrhunderts und einer der ersten systematischen Theologen des Christentums. Seine Schriften waren in der frühen Entwicklung der christlichen Theologie wegweisend, vor allem seine fünf Bücher „gegen die Häresien“ (adversus haereses).

Auch Irenäus von Lyon bestätigt, dass Matthäus der Jünger des Herrn Jesus, das Matthäusevangelium verfasst hat:

„Nicht eher nämlich zogen sie (die Evangelisten) aus bis an die Grenzen der Erde, allen die frohe Botschaft zu bringen und den himmlischen Frieden den Menschen zu verkünden, als unser Herr von den Toten auferstanden war und sie alle die Kraft des Heiligen Geistes empfangen hatten, der über sie kam. Dadurch empfingen sie die Fülle von allem und die vollkommene Erkenntnis, und so besitzt auch jeder einzelne von ihnen das Evangelium Gottes. Matthäus verfasste seine Evangelienschrift bei den Hebräern in hebräischer Sprache, als Petrus und Paulus zu Rom das Evangelium verkündeten und die Kirche gründeten.“

Zusammenfassend formuliert es die Encyclopedia Britannica so: „Tatsächlich steht in keinem Buch dessen Schreiber deutlicher fest als beim Buch Matthäus. Angefangen von Papias, Justin dem Märtyrer, Irenäus, Tatian, Theophilus, Clemens, Tertullian und Origenes, wird dies einstimmig anerkannt.“ – Ausgabe 1913/1914

1.2.1.2. Das Evangelium nach Markus

Der frühesten kirchlichen Tradition zufolge ist das Markusevangelium in Rom aufgrund der mündlichen Lehrvorträge des Petrus von seinem Dolmetscher Markus aufgeschrieben worden.

„ Es grüßt euch die Miterwählte in Babylon und Markus, mein Sohn.“
1. Petrus Brief 5:13, Elberfelder Übersetzung

Martin Hengel zählt „vor allem Markus zu den Tradenten der Evangelienüberlieferung, die einen Bericht verfassten, so wie die Augenzeugen von Anfang an und Diener des Wortes es überlieferten“.

Laut Eusebius von Caesarea schrieb Papias von Hierapolis über Markus:

„Auch dies lehrte der Presbyter: Markus hat die Worte und Taten des Herrn, an die er sich als Dolmetscher des Petrus erinnerte, genau, allerdings nicht ordnungsgemäß, aufgeschrieben. Denn nicht hatte er den Herrn gehört und begleitet; wohl aber folgte er später, wie gesagt, dem Petrus, welcher seine Lehrvorträge nach den Bedürfnissen einrichtete, nicht aber so, dass er eine zusammenhängende Darstellung der Reden des Herrn gegeben hätte. Es ist daher keineswegs ein Fehler des Markus, wenn er einiges so aufzeichnete, wie es ihm das Gedächtnis eingab. Denn für eines trug er Sorge: nichts von dem, was er gehört hatte, auszulassen oder sich im Berichte keiner Lüge schuldig zu machen.“

Im Markusevangelium liegen uns also die Augenzeugenberichte des Petrus, des Jünger Jesu vor.

1.2.1.3. Das Evangelium nach Lukas

Lukas, der erste christliche „Historiker“, spricht in seinem Prolog als der einzige Evangelist expressis verbis über die Tradenten der Evangelienüberlieferung.

„Da es nun schon viele unternommen haben, einen Bericht von den Ereignissen zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben, wie sie uns die überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind, hat es auch mir gut geschienen, der ich allem von Anfang an genau gefolgt bin, es dir, hochedler Theophilus, der Reihe nach zu schreiben, damit du die Zuverlässigkeit der Dinge erkennst, in denen du unterrichtet worden bist.“
Lukasevangelium 1:1-4

Irenäus von Lyon bestätigt ebenfalls dass Lukas ein Tradent von Augenzeugenberichten war:

„Ähnlich hat Lukas, der Begleiter Pauli, das von diesem verkündete Evangelium in einem Buch niedergelegt.“
Irenäus, Adversus Haeresis 3,1,1

1.2.1.4. Das Evangelium nach Johannes

Das Johannesevangelium ist durch mehrere frühe Papyri von der 1. Hälfte des 2.Jh. an (P52) sehr gut bezeugt. Nach handschriftlichem Befund ist der Text nie anders als in der vorliegenden Fassung kursiert. Stilistische Untersuchungen erweisen die Geschlossenheit des Werkes.

Die Herausgeber des Evangeliums bezeichnen in 21,24 den Lieblingsjünger als Verfasser des Evangeliums und Bürgen für dessen Wahrhaftigkeit.

„Das ist der Jünger, der von diesen Dingen zeugt und der dies geschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.“
Johannesevangelium 21:24, Elberfelder Übers.

Irenäus von Lyon ordnet Johannes klar als Autor seines Evangeliums zu:

„Denselben Glauben verkündete Johannes, der Schüler des Herrn. Durch die Verkündigung seines Evangeliums wollte er jenen Irrtum widerlegen, den Kerinthus unter die Menschen gebracht hat und viel vor ihm die sog. Nikolaiten, die ein Abzweig der fälschlich sog. Gnosis sind.“
Irenäus von Lyon, Adversus Haeresis, 3,11

Das Gleiche bekräftigt Eusebius:

„’Endlich hat Johannes, der Schüler des Herrn, der auch an dessen Brust geruht, während seines Aufenthaltes zu Ephesus in Asien sein Evangelium herausgegeben.’ So berichtet Irenäus in dem erwähnten dritten Buche seines genannten Werkes.“
Eusebius, Historia Ecclesiastica, 5,8,2

Das von den Synoptikern unabhängige Johannes-evangelium ist trotzdem nicht wertlos. Es überliefert an einigen, meist eher unbetonten Stellen von den Synoptikern abweichende Daten, die auf alte Traditionen zurück gehen können.

F.F. Bruce, Rylands Professor für biblische Einleitungs-fragen, Geschichte und Exegese an der Universität Manchester fasst die Vertrauenswürdigkeit der Augenzeugenberichte der Evangelisten wie folgt zusammen:

„Wir haben viel mehr Unterlagen für die neutestamentlichen Schriften als für die meisten Schriften klassischer Autoren, deren Echtheit anzuzweifeln niemanden einfallen würde. Wäre das Neue Testament eine Sammlung von weltlichen Schriften, so wäre seine Echtheit im allgemeinen über allen Zweifel hoch erhaben. Es ist eine seltsame Tatsache, dass Historiker den neutestamentlichen Schriften oft viel bereitwilliger Vertrauen geschenkt haben als viele Theologen.“

1.2.2. Die Quellen des Talmud

Es gibt mehrere talmudische Passagen, von denen gesagt wird, dass sie sich auf Jesus beziehen. Die folgenden gehören zu den am kontroversesten, umstrittensten und möglicherweise bemerkens-wertesten.

„Unsere Rabbiner lehrten, Jeshu, der Nazarener hatte fünf Jünger, und das sind sie: Matthai, Naqqai, Netzer, Buni und Todah.“
Talmud Sanhedrin 43a

Die Traktate des Talmuds gehören zu den apologetischen Streitschriften, die Juden in der Auseinandersetzung mit der frühen juden-christlichen Ur-Gemeinde ins Feld führten. Dementsprechend polemisierend und negativ fallen sie gegenüber Jesus Christus aus. Die apologetischen Quellen des Talmuds gegen Jeshu (griech:Jesus) sind aber hervorragende Beweise gegen die These von Albert Kalthoff in seinem Buch „Das Christusproblem“ (1902), in dem er behauptete, dass das Christentum sei nicht in Jerusalem, sondern in Rom entstanden. Jesus sei nicht der Religionsstifter, sondern die römischen Sklaven.

„Der Meister sagte: Jeshu der Nazarener praktizierte Magie und betrog und führte Israel in die Irre.“
Talmud Sanhedrin 107b, Sotah 47a

„"Jeshu Sohn von Stada ist Jesus Sohn von Pandira?"
Rav Hisda sagte: "Der Ehemann war Stada und der Liebhaber war Pandera ."
"Aber war nicht der Ehemann Pappos Sohn Jehuda und die Mutter Stada?"
Nein, seine Mutter war Miriam, die ihre Haare lang wachsen ließ und Stada hieß. Pumbedita sagt über sie: "Sie war ihrem Ehemann untreu."
Talmud Shabbat 104b, Sanhedrin 67a

Auch die Kreuzigung Jesu ist historisch in der Mishna bezeugt:

„Am Sabbatabend und am Vorabend des Passahfestes wurde Jeshu, der Nazarener, erhängt und ein Herold ging vierzig Tage vor ihm hervor und verkündete: "Jeshu, der Nazarener, geht aus, um gesteinigt zu werden, weil er Zauberei praktizierte und Israel zum Götzendienst anregte und verführte weiß irgendetwas in der Verteidigung kann kommen und es sagen. " Aber da sie nichts zu seiner Verteidigung fanden, hängten sie ihn am Vorabend des Passahfestes an (Sabbatabend).“
Talmud Sanhedrin 43a

Dutzende von Referenzen lassen sich im Talmud über Jeshu finden zu folgenden Themen:
- Heilung in dem Namen Jeshu
- Jeshu war ein Lehrer der Thorah
- Der Sohn oder Jünger, der ein schlimmes Ende nahm
- Ein sündiger Schüler der Zauberei betrieb und der Gotteslästerung verfiel
- Seine Strafe im jenseitigen Leben
- Seine Exekution
- Seine Herkunft

Diese Referenzen sind polemische Argumente gegen die Mission der ersten Kirche der Juden, die Jesus folgten, aber eine Fülle von Beweisen zur historischen Existenz Jesu.

1.2.3. Ein heidnischer Philosoph über Jesus

Der heidnische Philosoph und syrische Stoiker Mara bar Serapion schreibt in einem Brief aus seiner römischen Gefangenschaft an seinen Sohn. Die Datierung des Briefes ist umstritten. Wahrscheinlich ist er bald nach 73 n.Chr. abgefasst worden.

„Welchen Vorteil hatten die Athener, dass sie Sokrates zum Tode verurteilt haben? Hunger und Seuchen kamen über sie als Strafe für ihre Verbrechen. Welchen Vorteil hatten die Männer von Samos davon, dass sie Pythagoras verbrannten? In einem Augenblick wurde ihr Land von Sand zugedeckt. Was hatten die Juden davon, dass sie ihren weisen König umbrachten? Ganz kurze Zeit später wurde ihr Königreich aufgegeben. Gott rächte diese drei Weisen: die Athener verhungerten; die Bewohner von Samos wurden vom Meer überflutet und die Juden aus ihrem Land vertrieben, nachdem es zerstört worden war, leben vollständig verstreut. Doch Sokrates starb nicht umsonst. Er lebt fort in den Lehren des Plato; auch Pythagoras starb nicht umsonst, er lebt fort in der Statue der Hera. Und auch der weise König der Juden starb nicht umsonst; er lebt weiter in der Lehre, die er verkündet hat.“
17. Brief des syrischen Stoikers Mara bar Serapion an seinen Sohn Serapion (73 Chr.)

Merkwürdiger Weise ist das wohl älteste pagane Zeugnis über Jesus wenig bekannt. Umso wichtiger ist der in der langen Reihe historischer Belege der Existenz Jesu.

1.2.4. Die Zeugnisse der Kirchenväter

In der ersten Hälfte des 2.Jh. existierten zwar bereits etliche Schriften über das Leben und die Lehre Jesus; von einer Vorrangstellung der später kanonisch gewordenen Evangelien konnte noch keine Rede sein. Zahlreiche später als „apokryph“ ausgeschiedene Evangelien und weitere Jesusüberlieferungen in mündlicher und schriftlicher Form wurden in den Gemeinden rezipiert und tradiert. Sie schlugen sich in einer Schriftengruppe dieser Epoche nieder, für die sich die zusammenfassende Bezeichnung „Apostolische Väter“ eingebürgert hat.

Durch Zeugnisse und Zitate von alten Kirchenvätern, die schon Jahrzehnte und Jahrhunderte vor Nicäa gelehrt haben, nicht nur dass Jesus gelebt und gelehrt hat, sondern dass Jesus Gott und anbetungswürdig ist.

1.2.4.1. Erster Klemensbrief (ca.96)

Der Erste Klemensbrief ist ein frühchristlicher Brief der Gemeinde in Rom an die Gemeinde in Korinth. Er wurde wohl durch einen Clemens kurz vor 100 n. Chr. verfasst. Der Brief ist nicht Bestandteil des Neuen Testaments, wurde aber in der Alten Kirche sehr geschätzt. Er stellt eine wichtige Quelle für die Geschichte des Urchristen-tums dar. Laut Irenäus hatte Clemens noch Kontakt mit den Aposteln; Irenäus erwähnt auch die Probleme der korinthischen Gemeinde sowie den Brief des Clemens.

„Dabei wollen wir vor allem eingedenk sein der Worte des Herrn Jesus, die er sprach, da er uns Geduld und Langmut lehrte. Denn so hat er gesprochen: „Seid barmherzig, damit ihr Barmherzigkeit erlanget; verzeihet, damit ihr Verzeihung findet; wie ihr tuet, so wird man euch tun; wie ihr gebet, so wird euch gegeben werden; wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden; wie ihr Milde übet, so werdet ihr Milde erfahren; mit welchem Maße ihr messet, mit dem wird euch gemessen werden. “
1.Klemensbrief 13:1,2

1.2.4.2. Ignatius von Antiochien (50–117 n.Chr.)

Auch die Ignatiusbriefe stehen noch mitten im lebendigen Prozess der Gestaltung und Überlieferung „synoptischen“ Traditionsgutes neben den Synoptikern. Im Brief an die Smyrnäer 3,2 berichtet Ignatius von der Begegnung des Auferstandenen mit seinen Jüngern in einer Lk.24:36-42 nahestehenden, aber doch wohl unabhängigen Form :

„Und als er zu Petrus und seinen Genossen kam, sprach er zu ihnen: "Fasset (mich) an, betastet mich und sehet, dass ich nicht ein körperloser Geist bin". Und sogleich betasteten sie ihn und glaubten, da sie in Fühlung gekommen waren mit seinem Körper und seinem Geiste. Deshalb verachteten sie auch den Tod und zeigten sich stärker als der Tod. Nach der Auferstehung aß und trank er mit ihnen wie ein leibhaftiger Mensch, obwohl er dem Geiste nach vereinigt war mit dem Vater.“
Ignatius an die Smyrnäer

218 Jahre vor Nicäa :

„Deshalb wollen wir alles tun, als ob Christus in uns wohnte, damit wir seine Tempel seien und er, unser Gott, in uns wohnte...“
Ignatius an die Epheser

1.2.4.3. Der zweite Klemensbrief (130/140)

Im 2. Klemensbrief stehen (Misch-) Zitate aus dem Mt und LkEv neben Jesusworten aus der freien Überlieferung, vermutlich aus einem verlorengegangen Evangelium. Dazu zähltbeispielsweise auch folgendes Logion:

„Deshalb spricht der Herr, wenn ihr dieses tut: ‚Wenn ihr eingeschlossen seid in meinem Busen, aber meine Gebote nicht haltet, werde ich euch verwerfen und zu euch sprechen: Weichet von mir, ich kenne euch nicht; woher seid ihr, Vollbringer böser Werke?’"
2. Klemensbrief 4:5

1.2.4.3. Justin der Märtyrer (113-165 n.Chr.)

170 Jahre vor Nicäa:

„Ihr habt nicht verleugnet, daß Jesus Gott war, der Sohn des Einzigen...“
Justin der Märtyrer: Dialog mit Trypho, Kap.126

1.2.4.4. Melito von Sardes (ca. 195 n.Chr.)

130 Jahre vor Nicäa:
„Jesus, der zur gleichen Zeit Gott ist und perfekter Mensch...“
Melito von Sardes: Über das Passah und Fragmente, Fragment 6

1.2.4.5. Irenäus von Lyon (135-202 n.Chr.)

123 Jahre vor Nicäa:

„Jesus wird bekannt als Gott und Herr und ewiger König und Eingeborener und fleischgewordenes Wort von allen Propheten und Aposteln und dem Geiste selber.“
Irenäus: Gegen die Häresien, Buch 3,
Kapitel 19:23

1.2.4.6. Clemens von Alexandrien (150-215 n.Chr.)

110 Jahre vor Nicäa:

„... dieses wahre Wort [Jesus] ist nun erschienen als Mensch, er allein beides seiend, beides Gott und Mensch“
Clemens: Mahnrede gegen die Griechen Band 1, Reihe 2:7

1.2.4.7. Tertullian (150-230 n.Chr.)

95 Jahre vor Nicäa:

„... der einzige Mensch ohne Sünde ist Christus, weil Christus auch Gott ist.“
Tertullian: De Anima 41:3

1.2.5. Nichtchristliche Historiker

Nichtchristliche römische Historiker und Staatsmänner, die von den ersten Christen und sogar von Jesus Christus selbst berichten, den Gründer der Christen-sekte. Das interessante an diesen Quellen ist, dass sie völlig andere Intentionen als die Kirchenväter hatten, da der römische Staat der frühen Sekte der Christen nicht wohl gesonnen war und alles andere im Sinn hatte, als einen Mythos über Jesus zu generieren, zumal es sich hier um Historiker handelt.

1.2.5.1. Publius Cornelius Tacitus (58- ca. 120 n.Chr.)

Er liefert in seinen „Annalen“ einen außerbiblischen Beleg von Jesu Hinrichtung:

„Um das Gerücht aus der Welt zu schaffen, schob er [Nero] die Schuld auf andere und verhängte die ausgesuchtesten Strafen über die wegen ihrer Verbrechen Verhassten, die das Volk ‚Chrestianer‘ nannte. Der Urheber dieses Namens ist Christus, der unter der Regierung des Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war.“
Tacitus, Annalen XV, 44

1.2.5.2. Gaius Suetonius Tranquillus (70-130 n.Chr.)

Sueton, ein am Kaiserhof geachteter Römer, erwähnt in seinen Kaiserbiographen (120 n.Chr.) ein Edikt des Kaisers Claudius aus dem Jahr 49 n.Chr., das die Juden aus Rom auswies:

„Die Juden, welche von einem gewissen Chrestos aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten, vertrieb er aus Rom.“
Sueteon: De vita Caesarum

In seinem Bericht über Nero berichtet Sueton:

„Mit Todesstrafen wurde gegen die Christen (christiani) vorgegangen, eine Sekte, die sich einem neuen, gefährlichen Aberglauben ergeben hatte.“
Sueton, Vita Neronis 16.2.

1.2.5.3. Flavius Josephus (37-100 n.Chr.)

Josephus (oder auch Joseph ben Mathitjahu) war ein jüdischer Historiker im Dienst der Römer. Seine Aussage über Jesus ist schon eine kleine historische Sensation; berichtet doch hier ein nichtchristlicher und wissenschaftlich arbeitender Historiker von Jesu Wundertaten, seiner Kreuzigung und seiner Auferstehung!
Das TestFlav ist seit dem 16. Jh. Gegenstand heftiger Kontroversen gewesen, wobei zunächst die Alternative diskutiert wurde, ob der Abschnitt als authentisches Zeugnis des Josephus anzusehen ist oder als christliche Interpolation.
Die reine Echtheitshypothese wird nur noch selten vertreten. Doch so bedeutende Historiker wie L. von Ranke oder A. von Harnack hielten das TestFlav im wesentlichen für authentisch. Sie nahmen nur folgende Parenthese als wahrscheinlich christlichen Einschub auf: „er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend, wie Gott gesandte Propheten dies und tausend andere wunderbare Dinge von ihm vorher verkündigt hatten“. Tatsächlich gibt es einige – zumindest auf den ersten Blick – recht einleuchtende Argumente für die weitgehende Authentizität des TestFlav.
In letzter Zeit mehren sich die Versuche, einen Jesus gegenüber neutralen oder sogar ihm dezidiert positiv gegenüberstehenden Urtext des Josephus zu rekonstruieren (so schon J. Klausner, in neuerer Zeit P. Winter, G. Vernes).
Der Text, den man auf diese Weise erhalten kann, stimmt in auffälliger Weise überein mit einer arabischen Fassung des TestFlav, die Agapius, der Bischof von Hierapolis (10.Jh.) in seiner christlichen Universalgeschichte zitiert. Dieser Text wurde 1971 von S. Pines erstmals in die Diskussion über das Testimonium Flavianum eingebracht (Arabic Version). Er lautet :

„Zu dieser Zeit gab es einen weisen Menschen, der Jesus genannt wurde. Und er wies einen guten Lebenswandel auf und war als tugendhaft bekannt und hatte viele Leute aus den Juden und den anderen Völkern als seine Jünger. Pilatus hatte ihn zur Kreuzigung und zum Tode verurteilt; aber diejenigen, die seine Jünger geworden waren, gaben seine Jüngerschaft nicht auf und erzählten, dass er ihnen drei Tage nach der Kreuzigung erschienen sei und lebe und demnach vielleicht der Messias sei, über den die Propheten Wunderbares gesagt haben.“
Flavius Josephus: Jüdische Altertümer, XVIII.3.3

Die beiden folgenden römischen Historiker sind für uns Christen besonders interessant. Sie geben uns nicht nur einen wissenschaftlichen historischen Bericht von der Existenz der Person Jesu Christi, sondern auch folgende wichtige Information: Die ersten Christen der ersten beiden Jahrhunderte haben Jesus als Herrn und Gott verehrt und angebetet!

1.2.5.4. Caius Plinius Secundus (61-113 n.Chr.)

„Die Christen verehren Jesus als Gott.“
Briefe des Caius Plinius Secundus, Dem Feldherrn Trajan, Brief 97

1.2.5.5. Lukian von Samosata (120-180 n.Chr.)

„Von den Christen, die Jesus verehren, vor dem Gekreuzigten die Knie beugen und für ihn sterben.“
Die Werke des Lukian von Samosata, De Morte Peregrini, Kap. 11

Diese beiden historischen Zeugnisse sind für uns deswegen so interessant und wichtig, weil wir damit von nichtchristlicher, römisch- historischer Seite eine wissenschaftliche Bestätigung für die Tatsache haben, dass die ersten Christen Jesus als Gott verehrt haben.
Dies entkräftet alle Behauptungen der Muslime, der Zeugen Jehovahs und auch Dan Browns Buch und Film „The Da Vinci Code“ (Deutsch: „Sakrileg“), dass die ersten Christen Jesus nur als normalen Menschen und Propheten verehrt hätten und dass Konstantin der Große und die Katholische Kirche erst zum Konzil von Nicäa die Bibel und die Lehre in der Weise gefälscht hätten, dass Jesus als Gott zu verehren sei .

1.2.6. Evangelienfragmente

Gerd Theissen und Annette März fügen an die lange Reihe historischer Zeugnisse von Jesus Christus noch weitere außerkanonische Schriften:

1.2.6.1. Papyrus Egerton 2 (Egerton Evangelium)

Der Papyrus Egerton 2 ist ein aus vier Fragmenten be-stehender antiker Papyrus aus Mitte bis Ende des 2. Jahrhunderts in Codex-Form. Das winzige vierte Fragment weist nur einen einzigen Buchstaben aus und ist für die Rekonstruktion nutzlos. Er befindet sich unter der Signatur P.London.Christ. 1 im Britischen Museum. Die Schrift enthält vier bis fünf Episoden aus einem sonst un-bekannten apokryphen Evangelium oder einer Sammlung von Jesus-Erzählungen .

1.2.6.2. Das Geheime Markusevangelium

Die Mehrzahl der Ausleger hält das GMk für eine im 2.Jh. entstandene gnostische Überarbeitung des kanonischen MkEv.

1.2.6.3. Das Petrusevangelium

Das Petrusevangelium (abgekürzt: PetrEv oder EvPetr) ist ein apokryphes Evangelium (Simon-Petrus-Apokryphen), das in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts (oder evtl. schon kurz nach 70 n. Chr.) vermutlich in Syrien entstand. Es gehört zu den Passionsevangelien, das heißt, es befasst sich vorwiegend mit Tod und Auferstehung Jesu Christi. Die Verurteilung Jesu wird darin eher dem jüdischen König Herodes als dem römischen Statthalter Pilatus zugeschrieben. Das PetrEv ist das einzige bekannte Evangelium, das behauptet, einen Augenzeugenbericht der Auferstehung Jesu zu bieten .

1.2.6.4. Oxyrhynchos Papyrus 840

Papyrus Oxyrhynchus 840, ist ein beidseitig eng in mikro-skopisch kleiner Schrift beschriebenes Pergamentblatt aus einem Kodex im sehr kleinen Format von 8,5 × 7 cm, bei dem die Ecke unten rechts fehlt. Trotz des kleinen Formats brachte der Schreiber 45 Zeilen auf dem Blatt unter. Das Blatt wurde 1905 von Bernard Pyne Grenfell und Arthur Surridge Hunt bei Ausgrabungen in Oxyrhynchus entdeckt, als apokryphes nicht-kanonisches Evangelium erkannt und 1908 herausgegeben. Das Manuskript befindet sich heute unter der Signatur Ms. Gr. Th. g 11 in der Bodleian Library in Oxford.
Der Anfang des Blattes enthält den Schluss einer vorhergehenden Geschichte mit einem abschließenden Drohwort. Die folgende fast vollständig erhaltene Episode spielt im Jerusalemer Tempelbezirk und enthält ein Streitgespräch im Stil der synoptischen Evangelien, in dem Jesus sich mit dem pharisäischen Oberpriester L über die Vorschriften zur Reinigung vor dem Betreten des Vorhofes des Jerusalemer Tempels unterhält. Er unterscheidet dabei die innere Reinheit von der äußerlichen Reinheit durch Waschung. Der Text enthält Anklänge zu den synoptischen Evangelien und Parallelen zu Mk 7,1-23 und Mt.15,1-20. Einzelne Aussagen haben Parallelen zu Mt 23,27 und Joh 4,14; 7,37 und Apk 22,14, es wäre auch möglich, dass direkt zurückgegriffen wird auf die alttestamentlichen Stellen Jer 2,13 oder Sach 14,8 .
Papyrus Oxyrhynchus 840 zeigt Vertrautheit mit dem Jerusalemer Tempelritual und könnte daher durchaus aus dem 1.Jh. stammen .

Abschließend lassen wir noch Prof. Dr. Martin Hengel zu Wort kommen: Der Versuch die Ungeschichtlichkeit Jesu und anderer urchristlicher Gestalten zu erweisen, ist in den letzten 150 Jahren immer wieder unternommen worden und hat doch nur je und je die Unfähigkeit der Autoren erwiesen, kritisch mit antiken Quellen umzugehen und in historischen Kategorien zu denken. In der Regel war hier der Wunsch der Vater des Gedankens. Aber auch wenn kein vernünftiger Historiker mehr an der Geschichtlichkeit der Person Jesu zweifelt, so stößt man immer noch auf eine tiefgehende Skepsis gegenüber der Möglichkeit einer historischen Rückfrage, und zwar nicht selten aus „theologischen“ Gründen. Mit dieser Skepsis werden wir uns ständig auseinanderzusetzen haben. Die radikale, destruktive Kritik ist häufig den Köpfen von Theologen entsprungen, die den Boden der geschichtlichen Wirklichkeit unter den Füßen verloren haben. Gegen sie spricht schon der historische common sense.

Karl v. Hase erzählte unter Berufung auf einen Augenzeugen:

„Napoleon hat auf dem Hofball in Weimar zur Zeit des Erfurter Congresses gegen Wieland geäußert, dass Jesus vielleicht nie gelebt habe. Der Kanzler Müller, der dabeistand, hat mir versichert, dass Napoleon dies nur ... hinwarf, um zu hören, was der deutsche Gelehrte darauf sagen würde. Wieland antwortete: auf diese Weise könnte leicht nach einem Jahrtausend behauptet werden, Napoleon habe nie gelebt und die Schlacht von Jena sei nie geschlagen worden. Der Kaisersagte: trés bien! Und ging lächelnd weiter.“

Mario Wahnschaffe

Der komplette Text mit über 100 Fussnoten und Belegen erscheint in meinem Buch "Schwierige Fragen an die Bibel" Kapitel 1

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